FVA 22: Papier-Rakete

Seit 1970 arbeitete ein Gruppe von sechs Studenten der TH Aachen und der TU München gemeinsam an der Entwicklung einer kleinen Feststoffrakete für die Höhenforschung. Das Ziel dieser Arbeit bestand darin, aus handelsüblichen Werkstoffen eine möglichst billige Rakete zu bauen, die in der Lage sein sollte, Nutzlasten von l-2kg auf Höhen von 60-80km zu bringen.

Anlass zur Entwicklung dieser Rakete war ein Vortrag in Aachen über die Arbeit der mobilen Raketenbasis (MoRaBa) der DFVLR, bei dem Herr Klett, Leiter der MoRaBa, den Studenten die Mitarbeit an verschiedenen Teilproblemen beim Bau und Start von Höhenforschungsraketen anbot. Etwa zur gleichen Zeit wandten sich die Studenten K. und V. Brandtl aus München an die Mobile Raketenbasis mit der Bitte, beim Abschuss von selbstgebauten kleinen Feststoffraketen behilflich zu sein. Diese beiden Studenten hatten bereits als Schüler am Wettbewerb „Jugend forscht“ teilgenommen und waren mit dem l. Preis ausgezeichnet worden. Daraufhin kam es zwischen den Studenten der FVA, der TU München und dem Institut der DFVLR zur Festlegung des beschriebenen Projektes. Hierbei wurde eine Arbeitsteilung vereinbart, nach der die Münchener für die Entwicklung des Triebwerkes und die Aachener hauptsächlich für die Entwicklung der Zelle verantwortlich waren.

Im FVA Jahresbericht 1973/74 heißt es: „Als die Rakete eigentlich schon fertig sein sollte, erhielten wir in Aachen etwa folgende Meldung der Triebwerksgruppe aus München: Raketenteststand der Firma MBB nahezu vollständig in die Luft gejagt, sonst alles klar! Damit war das Konzept der Vettern Brandtl, einen Raketenmotor aus gewickelten Papierbahnen herzustellen, nahezu gescheitert.

Bei der Rekonstruktion der Teststandsprengung zeigte sich, dass etwa folgendes geschehen war: Die Flammen hatten das Papierrohr nicht von innen nach außen verbrannt, sondern waren von der Stirnseite her zwischen die Schichten gedrungen. Durch diese „exzessive Oberflächenvergrößerung“ war der Druckaufbau so rapide, dass der gesamte Treibstoff in kürzester Zeit verbrannte, sprich: Der Motor explodierte!

Aus diesem Grund erstellten die Brandtls eine neue Konfiguration, die sich aber noch im Entwicklungsstadium befindet. Sollte sich dieses Konzept nicht bis zum Herbst 1974 verwirklichen lassen, so soll bei einer Firma ein Treibstoff mit den geforderten Eigenschaften gekauft werden. Die neuen Abbrennversuche werden aus verständlichen Gründen nicht mehr bei MBB sondern bei ERNO in Trauen stattfinden.“

Nun auch dort fanden keine Versuche statt. Einige Jahre darauf begann Harimut Sendzig einen Schnellkurs in Französisch, da man offenbar die Rakete nun in Zaïre starten wollte. Auf einer schon fest geplanten Audienz bei Staatschef Mobutu wollte man diesen wenigstens in vertrauenserweckendem Französisch von der absoluten Ungefährlichkeit des Unternehmens überzeugen. Jedoch waren wahrscheinlich politische Schwierigkeiten in Zaïre Schuld am Scheitern dieses Projektes.

Im Zusammenhang mit dem Raketenprojekt wurden mehrmals Stimmen laut, die diesem Versuch nicht die Einordnung FVA-22 zugestehen wollten, was durchaus unter einigen Gesichtspunkten verständlich ist. Aber man sollte nicht vergessen, dass es in der FVA-Geschichte schon wesentlich größere Projekte gegeben hat, die sang- und klanglos endeten (z.B. Ringflügel). Und für das so verursachte Scheitern eines durchaus ernsthaften Projektes sollte sich eine Akaflieg nicht zur Entschuldigung verpflichtet fühlen.