FVA 6

Gegen Ende des Jahres 1924 wandte sich die FVA für einige Jahre vom Segelflug völlig ab. Das hatte im wesentlichen folgende Gründe:
Zum einen war 1924 die Motorfliegerei wieder erlaubt, zum anderen schien es damals, als hätte der Segelflug bereits die Grenzen seiner Möglichkeiten erreicht.
Bis etwa 1929 war Segelflug nahezu identisch mit Hangflug. Die erreichbaren Mittelgebirgsketten waren jedoch bereits der Länge und der Höhe nach abgeflogen. Dauerflug war nur mehr von der Stetigkeit des Windes und dem Sitzfleisch der Piloten abhängig aber kein technisches Problem. Ein weiterer Grund für die vorübergehende Abwendung vom Segelflug mag in einer gewissen Resignation, verursacht durch das leicht enttäuschende Ergebnis der vergangenen drei Rhönwettbewerbe, gelegen haben. Der bis dahin beflogene Hang in Aachen (bei Orsbach) bot mit seinen 70m Höhenunterschied auch keinen besonderen Anreiz mehr, so dass die vermeintlichen Möglichkeiten des wiederzugelassenen Motorfluges mehr lockten.So entwarfen Ilse Kober und Theodor Bienen im Jahre 1926 die FVA-6. Ilse Kober war damals Assistentin bei Prof. von Kármán und hatte bereits einige Erfahrung im Konstruieren von Flugzeugen, womit sie schon während ihrer Schulzeit begonnen hatte. Welche Leistung es gerade in dieser Zeit war, als Frau Dr.-Ing. erfolgreich Flugzeuge zu konstruieren, kann man sich heute nur schwer vorstellen. Ilse Kober ging dann im Jahre 1925 zur DVL und konnte daher den Bau der FVA-6 nicht mehr mitverfolgen.Die FVA-6 war ein abgestrebter Doppeldecker mit einem I-Stiel, hatte zwei Sitze hintereinander und war mit einem englischen ABC-Motor mit 30PS ausgerüstet. Gebaut wurde die FVA-6 in der Werkstatt der ehemaligen „Aachener Segelflugzeugbau GmbH“, die durch Junkers übernommen worden war.

Der zweisitzige Doppeldecker wurde noch im Jahre 1926 fertig und wurde für Testflüge nach Düsseldorf-Lohausen geschafft, weil Aachen noch von den Belgiern besetzt war.

Für das Einfliegen der FVA-6 hatte man Ludwig Pfitzner ausersehen, der als einer der wenigen der neuen FVA-Generation schon geflogen und gerade frisch seinen Pilotenschein gemacht hatte. Dieser Umstand brachte ihn in die bedauernswerte Situation, die FVA-6 beim Erstflug total zerstört zu haben. Die Schuld hierfür lag jedoch weniger bei ihm als in der Tatsache, dass offenbar der Schwerpunkt der FVA-6 nicht stimmte.

Die Erklärung für diesen Misserfolg ist, dass die FVA inzwischen ein anderes Gesicht bekommen hatte. Die alte „Kriegsgeneration“ hatte ihr Studium beendet und war von der Hochschule weggegangen. Die nachrückende Generation war viel jünger und ihr fehlte vor allen Dingen etwas, was die älteren aus dem Krieg mitgebracht hatten: Sie konnte nicht fliegen.

Es war daher selbstverständlich, dass ihr vorrangiges Interesse sich einzig und allein darauf richtete, fliegen zu lernen und sich fliegerisch zu betätigen. Von Flugzeugbau und -konstruktion hatten diese FVAler wenig Ahnung. Die Konstrukteure der FVA-6 waren schon nicht mehr in Aachen, als das Flugzeug fertiggestellt wurde. Die neuen Studenten, die kaum fliegen konnten, wussten mit einer unerprobten Neukonstruktion nichts anzufangen, von deren Flugeigenschaften und Tücken man nichts wusste.